Wenn die Angst mitreitet

Jeder von uns kennt es, Momente im Sattel, bei denen man am liebsten absteigen möchte. Beim einen ist es, wenn das Pferd losbockt, beim einen wenn das Pferd hektisch wird oder eben wie bei mir, wenn Jim stark wird, da ich aus eigener Sorge das er abgeht, Vorne zu mache oder er ganz simpel einfach nur stolpert. Heute möchte ich, ganz offen und ehrlich einmal genau darüber schreiben, was viele andere lieber nicht sagen möchten. Seit dem wir 2016 und noch einmal 2017 aus dem Galopp gestürzt und hingefallen sind, reitet bei mir immer ein Stückchen Angst mit. Angst, die es mir in der ein oder anderen Situation schwer macht, einen klaren Kopf zu bewahren.  Zwei Beispiele würde ich Euch gerne nennen. 

Beispiel 1: Springen

Wie Ihr ja wisst, dürfen wir wieder ein bisschen springen, was uns beiden natürlich auch mehr als Spaß macht.  Da ich nicht mehr wirklich aktiv springe, gehe ich das ganze nur in Springstunden und mit meiner Trainerin an. Natürlich immer nur so, wie Jim es kann. Jim ist beim Springen schon immer eher impulsiv gewesen, bei unserer ersten gemeinsamen Springstunde ist er mir vor, über und nach dem Sprung so abgebockt und unkontrolliert geworden, das ich zum Ende hin seinen Kopf am Gebiss rumgezogen haben, da wir direkt auf einen Baum zu galoppierten und weder Links, Rechts noch bremsen funktionierte. Also entschied ich mich für die Notbremse. Als Jim dann stand, schrie ich ihn erstmal an, was er denn bitte für ein Ar*ch ist und ich hier die bin, die die Kommandos gibt. Damals hatte ich noch deutlich mehr Selbstvertrauen und biss mich daran fest, diesen verrückten unter mir zumindest halbwegs unter Kontrolle zu bekommen.  Wir fanden unseren Weg, ich lies Jim machen, hielt ihn Vorne nicht fest und wir wurden ein sehr gutes Team, flogen über jeden Sprung und hatten nie einen Steher. Ja, er bockt auch immer noch gerne mal los, mehr aus Freude als böswillig. Ich konnte damals noch darüber lachen und trieb ihn einfach weiter Vorwärts, heute rutscht mir sofort das Herz in die Hose. Aktuell haben wir im Spirngen das Problem, das mein Kopf dicht macht. Jim braucht im Parcours ein gewisses Tempo und mag es absolut garnicht, wenn man ihn Vorne festhält. Nachdem er in den ersten Stunden wieder losschoss, weil er sich logischerweise so sehr freute wieder springen zu dürfen, zog mein Kopf ab da immer die Bremse: ich halte Vorne fest. Kontraproduktiv bei Jim, erst galoppiert er ordentlich auf den Sprung zu, zwei Galoppsprünge davor brettert er los, springt und rennt danach im ersten Moment für mich unkontrolliert einfach weiter. Er zeigt mir damit sehr deutlich, das ich Vorne zu fest bin, das er seinen Raum braucht. Jedesmal sitze ich angespannt oben drauf, halte die Luft an und hoffe nur, das keiner nach dem Sprung verletzt wird 🙂 

Es wird besser, ich gebe mir Mühe. Und ich weiß, das wir das ganze können. Das ärgert mich also umso mehr. Ich weiß, das es reine Kopfsache von mir ist, das er aktuell gerne so losballert. Deswegen gebe ich auch nicht auf und arbeite weiter daran, meinem Kopf zu sagen das ich Jim vertrauen kann, ihn ohne Druck von mir über jeden Sprung reiten kann. Sitz Katha drauf, funktioniert ja auch alles einwandfrei, der Bub kann also auch anders. 

Beispiel 2: Umwelteinflüsse

Ich lasse mich beim reiten von allem um uns herum beeinflussen. Fängt jemand an, den Vorraum der Halle zu fegen, denke ich innerlich schon „hoffentlich erschreckt er sich jetzt nicht“, wird Jim etwas schneller, denke ich direkt das er mir gleich losrennt und stolpert er, sackt mein Herz ganz in die Hose. Sind wir dann gerade noch am galoppieren, habe ich schon deutlich mehr Panik und sofort schießen mir wieder Erinnerungen von unseren Stürzen in den Kopf. Ihr merkt, das ganze ist einfach mein Kopf. Ich habe Tage, an denen mich solche Dinge weniger bis garnicht stören. Aber ich habe auch Tage, an denen ich sehr verspannt auf Jim sitze und vor jedem Geräusch innerlich zusammenzucke da ich denke, jetzt geht er los, bekommt die Beine nicht sortiert und wir fliegen wieder hin. 

Auch bei mir reitet also die Angst oft mit. Ich versuche, in solchen Situationen Ruhe zu bewähren, meine Nervosität nicht auf Jim zu übertragen. In 90% solcher Situationen zeigt er mir dann auch, das ich ihm vertrauen kann, er mich sicher trägt ohne das ich mir sorgen machen muss. Aber 10% Restrisiko bleiben. Und die sind einzig und allein dadurch in meinem Hinterkopf, das wir gestürzt sind. Beim ersten Mal hatten wir beide Verletzungen, beim zweiten Mal hatten wir absolut garnichts. Unser Schutzengel hat also jedesmal ganze arbeitet geleistet, beim ersten Mal bewahrte er uns sogar vor einem Überschlag. 

Aber was macht man nun, wenn man in bestimmten Situationen dicht macht? Ganz ehrlich, ein Heilmittel habe ich nicht. Ich versuche mir selbst Ruhe zu machen, singe oder erzähle Jim etwas. Habe ich meine Trainerin an meiner Seite, fällt es mir leichter, über solche Angst Momente hinweg zu reiten. Ich weiß sie ist da und hilft mir, arbeitet gemeinsam mit mir daran, das ich meinen Kopf überliste. 

Mag sein, das ich mich mit diesem Beitrag nun sehr angreifbar mache, das andere mich nun als Angstreiter abstempeln. Und wenn schon, ich weiß wo meine Stärken aber eben auch meine Schwächen sind. Und ich arbeite eisern weiter daran, diese in den Griff zu bekommen. 

 

Das Titelbild ist von meiner Lieben Janina Rein Photography

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